Katalogbeitrag Prof. Hermanus Westendorp

 Heimat  als Zustand   

 Zur künstlerischen Arbeit von Miriam Wuttke       

                                                                               
Gehen, Stehen,

Warten, Horchen,

Tanzen, Töten,

Grüßen, Schweigen;

Am Anfang ist der Körper,

am Ende wird der Körper gewesen sein.
Und dazwischen?

Wir werden ein- und ausgeatmet, uns an – und ausgezogen,

gegessen und getrunken, geschlafen und gewacht haben.

Und manchmal wird die Welt weit geworden sein und aufgeleuchtet haben.

War das dann Heimat?

 

Das vergangene 20. und gerade angefangene 21. Jahrhundert sind geprägt durch globale Migrationen und Fluchtbewegungen.

Große Menschengruppen sind gezwungen die Orte die sie kennen zu verlassen, und in Richtung von unbekannten, ihnen aufgezwungenen Gegenden zu ziehen.

Aber auch wer nicht aus wirtschaftlichen oder politischen Gründe seine Heimat verlassen muss, ist konfrontiert mit Phänomenen die dabei sind, herkömmliche Auffassungen von Raum, Zeit und Territorium zu unterminieren.

Vor allem die heute existierenden realen und virtuellen Geschwindigkeiten und die dadurch mögliche, wenn nicht gar notwendig gewordene, Mobilität von Körpern und Bildern, stellen die herkömmliche Auffassung von Heimat als Ort der Stabilität und Selbstverständlichkeit zunehmend in Frage.

Novalis schrieb einmal: „Die Philosophie ist eigentlich Heimweh – Trieb überall zu Hause zu sein.“

Für den Dichter war Heimat kein statischer, geographischer Ort, der durch den wehmütigen Blick in die Vergangenheit zurück gewonnen werden kann, sondern Hypothese und Beschreibung eines möglichen zukünftigen Zustand den es erst herzustellen gilt.

Heimat als Zustand?

 

Von 2011 bis 2012 hat die Künstlerin Miriam Wuttke das Projekt  „Dress  to  kill”  entwickelt, das jetzt im Projekt  „Heimat- Land-Luxus“ seine Fortsetzung findet.

Beide Projekte beschäftigen sich mit der Frage, welche Bedeutung Heimat heute hat und unter welche Bedingungen sie möglich ist.

Schon 2005 war Wuttke mit Auto und Wohnwagen 120 Tage durch Deutschland unterwegs gewesen „auf der Suche nach dem Deutschen Traum“.

Sie nannte dieses Projekt damals „nomadische Aktionskunst“ und stellte damit klar, dass ihr Heimatverständnis nichts mit dem engen Ortsfetischismus der sogenannten „Heimatkunst“ zu tun hat, sondern das Heimat für sie ein Projekt ist, ein „Work in Progress“, basierend auf einem Konzept, gekennzeichnet durch suchende Mobilität und performative Pluralität.

Seitdem hat die Künstlerin im Rahmen ihres Dress to  kill Projekts  in unterschiedlichen Zusammenhängen und Kollektiven mit Performances, Aktionen und  Ausstellungen ihre Suche nach möglichen aktuellen Strategien des „beheimatet sein“ thematisiert und dargestellt.

 

Wuttke erstellt in ihren Projekten Welten, die über poetisch – ästhetische Autonomie verfügen, implizit jedoch immer auch Verweise, die für „Heimat“ relevante gesellschaftliche Rahmenbedingungen enthalten.

Handlungen wie Begegnen, Verabschieden, Versprechen und Verraten oder Phänomene wie Gewalt, Liebe, Kontrolle und Kontrollverlust spielen dabei, samt den dazugehörigen sozialen Kontexten, eine bedeutende Rolle und zeigen, dass auch für Wuttke Heimat weniger ein bestimmter geographischer  Ort ist, sondern vor allem ein temporäres Ereignis das aus dem performativen Vollzug einer Sehnsucht entsteht.

Die Künstlerin arbeitet in ihren Projekten mit offenen Choreographien.

Performative Aktionen, agitative Handlungsabläufe, aber auch Objekte, Bilder, Zeichnungen und Videos werden in einer Art von Raumkollagen so zusammen gebracht, dass daraus gefährliche Nachbarschaften entstehen können, und variable, unerwartete Interaktionen möglich werden.

Kein Objekt steht dabei für sich, keine Handlung geschieht isoliert.

Alles partizipiert an einem offenen System, worin Gegenstände und Abläufe miteinander kommunizieren, mit ihrer Umgebung paktieren und sich gegenseitig infizieren und beeinflussen können.

Die performativen Choreographien, die dabei entstehen, entwickeln sich suchend und intuitiv, sind dennoch geprägt durch exakte Handlungsabläufe.

Ankommen und Verabschieden, Berühren und Verstoßen, Kontrolle und Kontrollverlust:
nachdem die Künstlerin eine Vielzahl von Ansätzen und Versuchsanordnungen zunächst erprobt hat, nimmt sie die Spur von einem oder mehreren der gefundenen Gesten auf, verfolgt diese und lässt sich von ihnen so lange verführen und führen, bis sich eine als stimmig empfundene Konstellation einstellt.

In Wuttkes Performances spielen das Repetitive und die damit zusammenhängenden Entschleunigung eine bedeutende Rolle.

Wiederholungen werden oft als „langweilig“ disqualifiziert.

Zu Unrecht, führen sie doch zu jenem „Lange – Verweilen“, das die Aufmerksamkeit schärft und in der gesteigerten Form des Rituals die Handlung von einer pragmatischen Ebene auf eine ästhetische überführt.

Dies trägt dazu bei, dass sich immer wieder Konstellationen ergeben, worin die Künstlerin über eine Art von selbstvergessener Handlungssicherheit zu verfügen scheint, wovon sie sich verführen und führen lässt und an der ursprünglichen Bedeutung des lateinischen Begriffs Luxus erinnert: Verschwendung.

Es handelt sich dabei jedoch nicht um jene Verschwendung wie wir sie heute in Gestalt eines ersatzlosen Konsumieren oder Wegwerfen kennen, sondern um eine Form der Verschwendung, die den eigenen physischen und mentalen Standpunkt aufs Spiel setzt und von Wuttke als performative Strategie eingesetzt wird um das Spiel vom Verlassen, Zurücklassen und Wiederfinden zu erproben.

Dabei entstehen Choreographien, die daran erinnern, dass es sich beim „Zustand Heimat“ um ein labiles Gleichgewicht handelt, das immer wieder neu erstellt werden muss.

Und immer dabei und mitten drin: der Körper, dessen Handlungen, Bilder und Sätze.

Alles geht vom Körper aus, alles kehrt zum Körper zurück.

An ihm ereignen sich Gewalt, Liebe, Hoffnung oder Hass.

In ihm spielen sich die Geschichten ab vom „Ich“,  „Du“ und „Wir“.

Hier treffen sich die zeitlichen und räumlichen Meridiane deren Summe Biographie genannt wird.

Der Körper ist Täter und Opfer zugleich, er ist es der flieht und ankommt, an ihm und durch ihn vollzieht sich die Sehnsucht nach Heimat, „den Trieb, überall zu Hause zu sein“.

 

Am Anfang ist der Körper,

am Ende wird der Körper gewesen sein.

 

Der Körper ist die erste und die letzte Heimat.

In der Kunst von Miriam Wuttke wird dies auf vielen Ebenen thematisiert und dargestellt.

Attribute wie Tierfelle, Masken, Haar oder Waffen referieren an archaisch begründete, jedoch nach wie vor aktuelle Bedürfnisse nach Sicherheit und Schutz.

Bänder und Tücher werden verwendet als Rudimente von Bekleidung, welche die Künstlerin schützen, ihr aber gleichzeitig auch als Ariadne-faden im Labyrinth der oft mit verbundenen Augen durchgeführten Performances dienen. Handlungen wie Einwickeln und Auswickeln, Bewaffnen und  Entblößen erinnern daran, mit welchen Strategien der Körper versucht sich zu behaupten, wenn er sucht, findet, flieht oder ankommt.

Die Künstlerin geht die Spuren die sie dabei findet so lange nach, bis Kohärenzen und Überlappungen entstehen und sich eine Art von „Stimmigkeit“ einstellt, die den Unterschied zwischen „fremd“ und „bekannt“, zumindest temporär, aufhebt.

Kann dieser Zustand „Heimat“ genannt werden?

In vor-mobilen Zeiten bedeutete „Heimat“ nicht nur Mittelpunkt der Welt, sondern Welt schlechthin.

Heim und Heimat gehörten zusammen und waren Ort und Zustand gleichermaßen.

Eine solch lokalisierte und statische Auffassung von Heimat kann es in der Form heute nicht mehr geben.

Die potenzierten realen und virtuellen Geschwindigkeiten haben mittlerweile eine Dimension erreicht, welche die Frage nach dem „was ist ein Ort“ neu stellen und Novalis Feststellung, wonach es eine Form von Heimweh geben kann,  überall zu Hause zu sein, aktuelle Relevanz verleiht.
Gehen, Stehen,

Warten, Horchen.

Tanzen, Töten,

Grüßen, Verabschieden

Die Künstlerin Miriam Wuttke erstellt Konstellationen, Versuchsanordnungen und Choreographien, welche die Hypothese „Heimat als Zustand“ erproben.

Indem sie in ihren Performances und Installationen sich, ihre Handlungen, Objekte, Bilder und Skulpturen  im wahrsten Sinne des Wortes  „Aussetzt“, initiiert sie Wahrnehmungsmodi und Erfahrungsebenen, die es ihr und ihr Publikum ermöglichen als partizipierende Zeugen teil zu haben an einem „Work in Progress“.

Partizipation an was?

Miriam Wuttke hat  das, warum es ihr dabei geht, einmal so formuliert:

„the romance of meeting, listening, feeling, understanding and embracing in a moment of awareness and experience“.

Dies könnte er sein, der Augenblick, worin Heimat sich ereignet.

 

Hermanus Westendorp
Hermanus Westendorp ist Professor für Bildende Kunst
an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg

Anlässlich zu Miriam Wuttkes Einzelausstellung Heimat-Land-Luxus, April 2013